In ehrendem Gedenken an @dottore [Update 01.05.2020]

Hausmeister @, Samstag, 11.04.2020, 04:40 vor 57 Tagen 9154 Views

bearbeitet von Hausmeister, Freitag, 01.05.2020, 20:24

soll auf sein Wirken in diesem Forum für einige Zeit, zumal aus gegebenem weltwirtschaftlichem Anlass, an dieser exponierten Stelle des Forums hingewiesen werden.

-> Link zur Traueranzeige der Familie

-> Link zur Traueranzeige der Kollegen: "Wer wie Paul C. Martin schreibt, stirbt nicht...!"

Hier direkte Links zu seinen Inhalten in den Sammlungen des Forums:

- dottore-Sammlungen

- dottores Real-Enzyklopädie

- Der Debitismus - Beiträge von Dr. Paul C Martin (Lange Version, PDF-Datei, 7,7 MB)

- Der Debitismus - Beiträge von Dr. Paul C Martin (Kurze Version, PDF-Datei, 4,7 MB)

Und hier der Link zum Thread anlässlich seines Ablebens.

@dottore, wir vermissen Dich ganz schmerzlich!

Es war für sehr viele von uns etwas ganz toll Selbstverständliches, zu wissen, dass Du immer noch deine Blicke über unsere Zeilen schweifen lässt, was Du bis in den Februar dieses Jahres hinein gern getan hast. Oft sicher auch kopfschüttelnd, das manches Mal sicher sehr heftig, aber viele Male ganz sicher auch in stiller, wissender Zustimmung - berücksichtigend, dass hier hauptsächlich Suchende ihre intellektuellen Spuren hinterlassen.

Und Suchende, um Erkenntnis ringende Menschen, verlaufen und verrennen sich halt oft, denn das liegt in der Natur ihres Vorhabens.

Dieser Tatsache des persönlichen geistigen Irrtums bist Du hier stets äußerst respektvoll begegnet, warst und bist - dokumentiert in den Sammlungen - mit Deinem Auftreten und Argumentieren vielen Lesern und Schreibern ein herausragendes Beispiel an geradezu bewundernswürdiger Geduld, an grundsätzlichem Anstand seinen Diskutanten gegenüber, an respektvollem, achtsamem Umgang miteinander - selbst in der härtesten Auseinandersetzung in der Sache.

Habe bitte, zusammen mit unserem unvergessenem @Elli, weiterhin ein Auge auf uns!

In großer, aufrichtiger Dankbarkeit

Deine Freunde und Wegbegleiter aus unserem Gelben Forum

***

[Wurde mit dem Link zur Traueranzeige der Kollegen ergänzt. HM]

  • Eintrag gesperrt

Zu Ehren von dottore: Vom Wohlstand bleibt nur ein Teller Tsatsiki (Originaltext)

weissgarnix ⌂ @, München, Montag, 25.05.2020, 17:06 vor 13 Tagen @ Hausmeister 3978 Views

bearbeitet von Hausmeister, Montag, 25.05.2020, 19:42

Hallo Leute,

habe heute erst erfahren, dass dottore verschieden ist. Bin sehr traurig darüber.

Zu seinen Ehren, hier der letzte Text, zu dem er und ich gemeinsam was gemacht haben, in voller Länge. War im Mai 2010, auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise. Der gesamte Tsatsiki-Topos ist bekanntlich aus einem seiner Bücher.

RIP dottore

wgn

+++


Vom Wohlstand bleibt nur ein Teller Tsatsiki

„Ein junger Berliner leiht sich bei seiner Bank 1000 Mark für ein flottes Wochenende in München. Alles bestens. Nach einem Jahr will er sich wieder 1000 Mark leihen.

Ja, sagt die Bank, wir müssen aber 100 Mark Zinsen einbehalten.

Wieder ein Jahr später will er wieder 1000 Mark. Die Bank sagt: Klar, abzüglich 200 Mark Zinsen.

Mit den 800 Mark fährt der Mann nach Coburg. Und so weiter.

Schließlich kommt der Mann in die Bank und sagt: Noch mal 1000 Mark.

Ja, sagt die Bank, aber 900 Mark gehen inzwischen für Zinsen ab, die wir gleich einbehalten. Hier sind die restlichen 100 Mark.

Die nimmt der Mann und geht mit Bruder und Freundin um die Ecke zum Griechen. Sie bestellen Retsina, Oliven, Weinblätter, drei Portionen Gyros.

Obwohl der Mann jedes Jahr 1000 Mark Schulden gemacht hat, ging seine Nachfrage nach den Dingen des Lebens immer mehr zurück.

Noch ein Jahr später wird er wieder 1000 Mark Schulden machen, aber er kriegt keinen Pfennig ausgezahlt.

Er kann sich nicht mal mehr den Griechen leisten. Er läuft heulend am Lokal vorbei. Der Grieche ist ein netter Mensch und schenkt dem Mann – was? Eine Portion Tsatsiki.

Genau das ist die Lage des Staates. Obwohl er immer weiter Schulden macht, hat er immer weniger Geld zur Verfügung, das er ausgeben könnte.

Der Finanzminister läuft heulend durch die Straßen. Der Staat macht Schulden, weil er Schulden hat. Das ist das Finale.“

Ob da die Vorahnung aus Journalist und Sachbuchautor Paul C. Martin sprach, als er 1997 den Staatsbankrott ausgerechnet beim Griechen ums Eck stattfinden ließ?

Und das Ganze in der für ihn typischen Art auch noch als „Tsatsiki-Effekt“ etikettierte?

Wer weiß. Jedenfalls kann man die Probleme Griechenlands kaum besser auf den Punkt bringen als mit seiner kleinen Anekdote:

Der Staat macht immer neue Schulden, um alte Löcher zu stopfen, weil die Einnahmen dafür nicht reichen. Das verschafft einen Moment lang Ruhe, hält die Straße frei vom Protest der Massen und verschafft genehme politische Mehrheiten.

Nichts, was als griechische Spezialität auf der Karte stehen sollte, denn im Unterschied zu Gyros und Retsina gehört der Kauf von Massenloyalität in einem Bieterwettkampf zum politischen Geschäft jeder Demokratie.

Natürlich steht er unter Finanzierungsvorbehalt, und an dem scheitert das Geschäftsmodell früher oder später: Wo die Ausgaben die Einnahmen übersteigen, werden die finanziellen Probleme stillschweigend größer und größer, die Gesellschaft macht Bekanntschaft mit dem Zinseszinseffekt – und der kennt keine Gnade: Der staatliche Schuldenberg wächst rasant, doch für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft stehen keine Mittel zur Verfügung – nein, sie dienen ausschließlich der Bewältigung der Vergangenheit.

Wie bei dem jungen Mann in Martins kleiner Geschichte, der seine Ansprüche in dem Ausmaß zurückschrauben muss, wie ihn seine Schuldnerbiographie einholt: Es begann mit einem Wochenende in Saus und Braus und endet bei nicht mehr als einem Teller gehobelter Gurken in pikanter Soße – ein Schicksal, das für Millionen Griechen zur Realität wird.

Und nicht nur für sie. Die elende Janusköpfigkeit des Kredits zeigt sich, sobald Schulden für andere Zwecke verwendet werden als die kontinuierliche Schaffung eines Mehrprodukts: Nur dann bringen sie die Mittel hervor, mittels derer sie bei Fälligkeit wieder aus der Welt geschafft werden können.

Wer sich verschuldet, wettet implizit auf Wachstum, da mag der Zeitgeist noch so viele Druckwerke über den „wachstumslosen Wohlstand“ hervorbringen: Nur wenn der Kuchen größer wird, können Zinsforderungen schmerzfrei bedient werden.

Alles andere ist Verteilungskampf. Und in dem haben die Gläubiger – zumindest bisher – die besseren Karten: Sie werden voll ausbezahlt.

Alle übrigen müssen sich mit Sparappellen begnügen – und den Moralitätsbekundungen ihrer europäischen Nachbarn.

Wo Kredit im Spiel ist, ist die Moral nicht weit: Schuld und Schulden weisen starke Ähnlichkeit darin auf, dass das Leben des Belasteten an einen in der Vergangenheit geknüpften Knoten gebunden bleibt, schreibt Sloterdijk in „Zorn und Zeit“.

Gemeinsam stiften sie einen rückwärtsgewandten Beziehungszwang, der dem Gewesenen die Vorherrschaft über das Kommende einräumt.

Eine Dominanz, die im politischen Geschäft ihre Entsprechung findet und den wohlerworbenen Rechten schon immer eine starke Lobby gegenüber den aktuellen Daseinsnöten verschaffte, während die Zukunftschancen regelrecht an die Wand gedrückt wurden.

Ein tiefer Graben verläuft entlang der Generationengrenzen, auf dessen einer Seite sich gesetzliche Rentengarantien unter mallorquinischer Sonne darüber mokieren, dass den Bildungschancen auf der gegenüberliegenden Seite nicht mehr bleibt als ein Teller Tsatsiki.

Und er verläuft entlang der Grenze von Gläubiger- und Schuldner-Nationen, an denen sich das Abzahlen und das Heimzahlen in erbitterter Konfrontation gegenüberstehen.

Den Griechen helfen – wieso? Der Gedanke empört im Land der Gläubiger, schließlich haben die Griechen doch . . . und sie müssten ja nur . . . auf keinen Fall wird man daher . . ., während die Frage, wie man überhaupt in die Situation geraten konnte, im Lärm der Feuilletons und Wirtschaftsspalten untergeht. Die Rede von der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit, der Korruption und dem Schlendrian verliert in jenem ersten und einzigen Augenblick ihren Sinn, in dem trotz allem einer den Griechen Kredit gewährte.

Die Finanzierung läuft dem Einkauf voraus, der Shopper ohne Kreditrahmen scheitert spätestens an der Ladenkasse. Hätten die in Saus und Braus lebenden Griechen, als die sie sich jetzt auf dem deutschen Boulevard präsentieren, nicht einen Dummen gefunden, der ihnen ebenso begeistert seine eigenen Ersparnisse überlassen hätte – auf nicht viel mehr als die urbane Legende hin, dass heutzutage kein Staat mehr Pleite gehen kann –, sie wären erst gar nicht in ihre missliche Lage geraten und ihre Gläubiger auch nicht.

So aber waren die Gläubiger nur zu gerne bereit, ihrem griechischen Kunden den Einkauf auf Pump zu gestatten, denn schließlich musste der Rubel irgendwie rollen, und über den Rest konnte man sich auch später den Kopf zerbrechen.

Ein Exportwunder ward geboren, alleine es stand auf wackeligen Füßen. Das interessierte aber zunächst niemanden, weder auf Seiten derer, die auf offene Rechnung importierten, noch jener, die exportierten und finanzierten.

Aber jedes Ding hat nun mal zwei Seiten, das ist in diesem Drama nicht anders: Der allenthalben zu vernehmende Ruf nach Umschuldung klingt daher nur so lange gut, als nur eine Seite der Unterscheidung beleuchtet und die andere ausgeblendet wird; und verliert in dem Moment an Attraktivität, wo sich herausstellt, wem genau da ein „Haircut“ verpasst werden soll.

Genau das macht es für Bundeskanzlerin Merkel so schwierig, dem Volk deutscher Sparer und Exporteure zu erklären, warum an der kollektiven Rettung der griechischen Staatsfinanzen gar kein Weg vorbeiführt: Weil sich nur so bewahrheiten kann, was implizit von allen immer vorausgesetzt wurde, nämlich dass selbst der unbedarfteste Gläubiger mit heiler Haut davonkommen wird.

Sie hat die Wahl, die Griechen fallenzulassen und damit die europäischen Banken und ihre Kunden gleich in die nächste Krise zu stürzen.

Könnte sie eine solche, echte Umschuldung politisch überleben? Eine, die an die Banken und die deutschen Sparer tatsächlich weitergereicht wird und an die Beschäftigten des Mittelstands, der darob einmal mehr finanziell ausgetrocknet wird und Arbeitsplätze abbauen muss?

Oder würde nicht erneut der Steuerzahler in den Ring steigen müssen, um gegen die normative Kraft des Faktischen anzutreten?

Die andere Option besteht darin, den Griechen einen finanziellen Salbenverband anzulegen und darauf zu hoffen, dass ein Wirtschaftswunder den Rest erledigt.

Die Stunde der Wahrheit wird damit wenigstens hinausgeschoben.

Wenn sie kommt, dann werden auch wir uns, so oder so, mit der Einsicht anfreunden müssen, dass man auch mit einem nackten Teller Tsatsiki durchaus ein Mahl bestreiten kann.

Auch noch gefunden: Mein Interview mit ihm für die FAZ aus Juli 2009

weissgarnix ⌂ @, München, Montag, 25.05.2020, 17:16 vor 13 Tagen @ weissgarnix 3532 Views

Aufschwung ohne Ende oder Game over?

Während meines Studiums standen Lehrbuchklassiker wie „Economics" von Samuelson/Nordhaus auf der Tagesordnung und Gott weiß, was ich in meinem Leben alles hätte werden können, wenn ich der lehrplanmäßigen Lektüre die gebotene Demut entgegengebracht hätte.

Habe ich aber nicht, denn viel spannender waren die Texte von Marx und Minsky, Kalecki und Robinson, und vor allem die eines deutschen Sachbuchautors namens Paul C. Martin.

Der schrieb obendrein frech wie Oskar und goss den Spott in Kübeln über die Weisheiten der reinen Lehre. So unterhaltsam seine Bücher waren, für das Literaturverzeichnis der Diplomarbeit eigneten sie sich definitiv nicht.

„Cash - Strategie gegen den Crash" oder „Der Kapitalismus - ein System das funktioniert" - nur zwei der zahlreichen Titel des ehemaligen Friedman-Schülers Martin, mit denen er seine gänzlich „andere" Sicht der Wirtschaft vehement in die Öffentlichkeit trug.

Immer wiederkehrende Motive bei Martin sind der Staatsbankrott und das finale „Game over" des kapitalistischen Systems - Topoi also, die im Zuge der Krise wieder verstärkt ins Blickfeld geraten sind. Ich habe mich mit Paul C. Martin kürzlich unterhalten:

Herr Dr. Martin, ist der Kapitalismus ein System, das funktioniert?

Die Essenz des Kapitalismus ist der Kredit. Finden sich genügend Kreditgeber und in entsprechender Höhe Schuldner, funktioniert das System auf der ersten Stufe.

Da die Kreditnehmer Zinsen schuldig sind und überdies Gewinne realisieren wollen, bedarf es ab der zweiten Stufe zusätzlicher Kreditgeber bzw. – nehmer, da die von den Unternehmen ausgezahlten Faktorkosten nicht ausreichen, um die Märkte zu räumen.

Diese zeitlich späteren „Nachschuldner“ müssen die zu zahlenden Zinsen bzw. zu realisierenden Gewinne finanzieren – und so immer weiter. Damit ist der Kapitalismus ein Kettenbrief. Fallen die erforderlichen Nachschuldner aus, kommt es auf den zeitlich vorgelagerten Stufen zu Krisen und Kollaps.

Klingt stark danach, als würden sie „Gleichgewichtsmodelle“ ablehnen und mit ihnen die Sichtweise der etablierten Ökonomie?

Ja. Die Wirtschaft kann niemals im Gleichgewicht sein. Die entsprechenden Modelle sind schlicht primitiv, weil sie – wie auch Prof. Binswanger ausführt – auf dem Tauschparadigma basieren. Sog. „Tauschwirtschaften“ hat es nie gegeben (vgl. Dalton, Polanyi, u.a.), sieht man von Geschenken oder dem Protztausch zwischen antiken Herrschern ab.

Wer ist Ihrer Meinung nach dann schuld, an der aktuellen Krise?

Erstens die fehlenden Nachschuldner: Hätte eine weitere Million mexikanischer Wanderarbeiter US-Häuser gekauft, wären die Preise weiter gestiegen und die Krise wäre noch nicht ausgebrochen. Zweitens die Refinanzierung der heute langlaufenden sogenannten „toxischen“ Papiere mit Hilfe kurzfristiger Commercial Papers. Dieses „Aus-kurz-mach-lang“ musste über kurz oder lang scheitern. Außerdem haben die Ratingagenturen völlig am Risiko vorbei bewertet. Und schließlich ist den Aufsichtsbehörden die Existenz von „Conduits“ (Schattenbanken) gänzlich entgangen.

Eine teuflische Rückkopplung, denn um Nachschuldner zu werden, hätten die mexikanischen Wanderarbeiter (oder wer auch immer) weiterer Einkommen bedurft, und justament um die zu ermöglichen, wurden seitens der Politik doch die laxe Aufsicht und die lose Geldpolitik praktiziert, oder?

Nein. Die sogenannten „Subprime“-Käufe setzten keinerlei Einkommen oder deren Nachweis voraus. Dass die Aufsicht nicht nur lax, sondern überhaupt nicht vorhanden war, kommt ebenso dazu wie die Tatsache, dass die Greenspansche Geldpolitik nach dem Platzen der dot.com-Blase eine fast kostenfreie Einladungskarte zum zusätzlichen Schuldenmachen darstellte. Dabei dachten die Käufer, ewig steigende Hauspreise würden die Immobilien quasi „von selbst“ finanzieren.

Sie vertreten eine „Machttheorie“ des Geldes und des Zinses – könnten Sie die näher beschreiben?

Der erste Zins (altdeutsch: „Zinnß“) ist die sanktionsbewehrte Abgabe in Realien an die Macht, also eine Schuld ex nihilo ohne vorangegangene Kontrakte. Um die Realien vergleichbar zu machen, wurde vom jeweiligen Machthaber Silber als Standard eingeführt: in Mesopotamien 1 Schekel = 180 Gerstenkörner.

Und wie entwickelte sich daraus dann unser modernes Geld- und Kreditsystem?

Wurden die Abgaben nicht termingerecht geleistet, kam es zu Sanktionen: Wegnahme des Subsistenzlandes (ca. 1,5 ha), Schuldknechtschaft der Familienmitglieder, allgemeine Überschuldung, wovon Zehntausende von Tontafelurkunden Zeugnis geben.

Um die Gemeinschaften nicht zu zerreißen, führten die Herrscher Erlassjahre ein („clean slates“, in Rom „novae tabulae“, vgl. noch Catilina) und die nächste Runde startete. Investivkredite gab es nicht, es gab weder freie Unternehmer, sondern nur Palasthändler und keine freien Lohnarbeiter.

Die für die Abgaben verantwortlichen Verwalter beschafften sich die Differenz zwischen Soll und Ist bei ihresgleichen – Reste vorangegangener Stammessolidarität. Die entsprechenden Dokumente konnten vor Fälligkeit diskontiert werden. Aus dem Diskont entstanden die ersten „Geschäftszinsen“, die noch von Abgabenzinsen abgeleitet waren, aber keinerlei „investiven“ Zwecken dienten.

Das wurde das Geschäft einiger Bankiers, die als Wucherer auftraten. Aus der schwierig zu berechnenden Abzinsung wurde der Einfachheit halber die Aufzinsung. Gleichzeitig verselbstständigten sich die Palasthändler mit Hilfe von privaten Geschäften mehr und mehr und wurden zu normalen Händlern, die im 1. Jahrtausend in Babylon schließlich sogar Produktenbörsen im modernen Stil betrieben.

Der Staat ist also demzufolge das Movens der kapitalistischen Wirtschaft?

Ja. Der Kapitalismus ist ein Staatsbastard. Er besichert mit eingesetzter bzw. angedrohter Waffengewalt das Kapital als privates Eigentum und sorgt für die Erfüllung privater Kontrakte. Beides ist ohne Staatsmacht nicht definierbar.

Können dann Staaten wie die USA, Japan oder Deutschland überhaupt bankrottgehen?

Ja. Entweder durch Repudiation von Staatstiteln oder spätestens, sobald die Zinsen auf die aufgelaufenen Staatsschulden das laufende frei verfügbare Steueraufkommen übersteigen.

Die großen westlichen Industriestaaten sind zwischen 70 und 100% des BIP verschuldet, Japan mit fast 200%. Wo liegt Ihrer Meinung nach die Grenze?

Es gibt keine „objektive“ Grenze, bestenfalls eine psychologische. Die ist erreicht, sobald die Bürger merken, dass die Staatsschulden nicht mehr zurückgeführt werden können und sich von der Idee verabschieden, dass der Staat als Nachschuldner-Krisen in den „Griff“ kriegen könnte. Schulden lassen sich nicht mit noch höheren Schulden tilgen.

Was dann – Inflation à la Weimar oder Haircut à la Argentinien?

Weder noch. Denn beides waren staatsinduzierte Phänomene. Ich rechne damit, dass diesmal der Markt mit Verbrauchern und Produzenten die Dinge in die Hand nimmt.

Falls wir eine Inflation erleben, muss sie vom Verbraucher ausgehen, der das gute alte Schuldenmachen via Kreditkarten wieder entdeckt. Danach sieht es derzeit (noch) nicht aus, da die US-Sparquote inzwischen von unter null auf fast 6 Prozent gestiegen ist.

Einen argentinischen Haircut halte ich für ausgeschlossen, zumal dieser nur den Peso, aber nicht die dort liegenden Dollarbestände bzw. Forderungen betraf. Ein Kursverfall der Staatstitel wäre in den überschuldeten Staaten dann der marktinduzierte Haircut.

Wenn alle Industriestaaten gleichermaßen gegen die Krise ankämpfen und sich dafür maximal verschulden, wie muss man sich dann einen Staatsbankrott in der Praxis vorstellen?

In der Praxis ist er am Verfall das Staats-„Kredits“ erkennbar. An den Kapitalmärkten an rasch stürzenden Kursen.

Sie waren einer der Letzten, die Hjalmar Schacht interviewt haben. Was meinen Sie, was hätte er gegen die Krise unternommen?

Damals: Verweigerung der Zahlung der Schulden aus dem Versailler Vertrag sowie eine frühere Einführung und massive Ausdehnung der (fiktiven) Mefo-Wechsel.

Klingt fast nach Ben Bernanke anno 2008. War Schacht also doch das Finanzgenie, für das er sich selbst immer gehalten hat, oder ist Bernanke bloß ein Inflationist à la Schacht?

Natürlich ist Bernanke Inflationist. Dies hat er in diversen Vorträgen deutlich gemacht. Den Titel „Helikopter-Ben“, als jemand, der Bares aus seiner „Printing press“ über die Lande streut, verdient man sich nicht so mir nichts, dir nichts.

Wie geht die aktuelle Krise aus – Aufschwung ohne Ende? Oder Game over?

Aufschwung ohne Ende, sofern die weltweiten Uneinbringlichkeiten sämtlich auf den Staat gebucht werden, alternativ: Bankenverstaatlichung. Game over, sobald der Schwindel mit der Staatsverschuldung durchschaut ist. Immerhin hat sich die deutsche Staatsverschuldung seit 1948 verhundertsechzigfacht. Irgendwann lässt sich nicht mehr länger verheimlichen, dass da etwas nicht stimmen kann.

Wie lautete die historische Antwort auf eine solche Problematik in der Regel?

In der Geschichte sind seit dem englischen Mittelalter mindestens 200 Staats- (oder Stadt- ) Bankrotte auszumachen. Deutschland durchlebte im vorigen Jahrhundert deren zwei: 1923 und 1948.

Herr Dr. Martin, ich bedanke mich für das Gespräch.

Vielen Dank, @weissgarnix! Eine großartige Idee von Dir

Hausmeister @, Montag, 25.05.2020, 19:49 vor 12 Tagen @ weissgarnix 1933 Views

die ich gar nicht entschieden genug herausheben kann!

Also habe ich diesen Thread oben angepinnt, was bis auf weiteres auch erst einmal alle so ertragen müssen... [[freude]]

Jeder Leser unseres Forums sollte sich diese beiden Beiträge, am besten einmal wöchentlich [[zwinker]] , intensiv zu Gemüte führen.

Nochmals herzlichen Dank,
und lass uns doch bitte hin und wieder hier von Dir hören!

Mit den allerbesten Grüßen

HM

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