R. Barthes: studium, choc und punctum / Novalis: "Die schöpferische Musik des Weltalls"

Ostfriese, Sonntag, 07.08.2022, 14:55 (vor 48 Tagen) @ Andree501 Views

Hallo Andree

Roland Barthes hat dazu

Erst durch bittere Erfahrung - kaum durch Erkenntnis -
kann eine Offenheit entstehen für neue Erfahrungen und Einsichten, die zu einem neuen Bewusstheitszustand führen können und damit zu einem neuen Seinszustand.

im Zusammenhang mit der Fotographie und Malerei einige Betrachtungen angestellt. Jean Baudrillard zeigt, dass sich jeder die Wirklichkeit mit seiner Sprache, den Texten und der 'Erweiterten Realität' zu seiner persönlich wahrgenommenen individuellen und subjektiven - nur im Gehirn stattfindenden - Realität simuliert, die sich gemäß Roland Barthes Ausführungen in 'Die helle Kammer' nur nach einem selbst erlebten Riss in Verbindung mit einem 'choc' (einem 'punctum') verändern lässt. Er sagt: "Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft)".

Der 'choc' ist im Leben aller Menschen erst einmal etwas sehr Bedrohliches, Verstörendes und erzeugt Angst. Die Angst rührt vielleicht auch daher, dass wir im Gefängnis der überkommenen Verschriftung und der Zeichen sitzen, dessen Mauern wir meinen, nicht überwinden zu können.

Barthel verdeutlicht den Begriff 'studium': "Wenn William Klein den '1. Mai 1959 in Moskau' photograhiert, zeigt er mir, wie die Russen sich kleiden, - ich registriere die mächtige Mütze eines Jungen, die Krawatte eines anderen, das Kopftuch der Alten, den Haarschnitt eines Jugendlichen, und so weiter." Das Bild ist also eine reine Zustandsbeschreibung.

Ein 'punctum' - ein 'choc' - findet sich in Vincent van Goghs Gemälde 'Holzsammler im Schnee' - eine in kalte Farben getauchte Winterlandschaft. Wir sehen die Dynamik an ihren Beinen, an ihren gesenkten Blicken auf den schneebedeckten Boden, die dort Festigkeit für die Füße suchen und an dem angedeuteten Trichter, der durch die waagerechte Linie in der Bildmitte und der angedeuteten schrägen Geraden der Sträucher links unten und der Richtung der Reisigbündel oben ansatzweise gebildet wird. Der Blick wird durch das 'chocartige' Auftreten der untergehenden, letzte Wärme spendenden, Abendsonne als 'punctum' in das Bild wieder zurückgeholt.

Die gewollten Störungen in den mehrfach verschobenen Fluchtlinien der Treppenanlage über der Piazza di Spagna in Rom und die doppelte Unterbrechung des Stufenfalls durch eingefügte Terrassen sind auch nur ein Spiel mit der Symmetrie. In Joachim Fests Worten aus 'Im Gegenlicht: Eine italienische Reise' auf S. 337: "… in der willentlich riskierten Verfehlung des Vollkommenen [wird] eine höhere Vollkommenheit erreicht."

Das Besondere und das Andersartige machen das Einmalige aller Dinge aus - sie sind der Schlüssel zur Ästhetik. Durch kleine Makel und Asymmetrien gewinnen Dinge und Menschen Sympathien - wie Cindy Crawfords Leberfleck auf ihrer Oberlippe (golden-section). Sie überlegte beispielsweise am Anfang ihrer Laufbahn, ihn operativ entfernen zu lassen. Heute ist sie froh über ihr Zögern.

Die Finanzkrise ab 2007 mit ihren nachfolgenden Entwicklungen war in der allgemeinen Wahrnehmung ein kollektiver ökonomischer 'choc'. In Ermangelung eines individuellen intellektuellen 'punctums' konnten die Chefredaktionen, Unternehmensleitungen und Wissenschaften ihre bisherigen ökonomischen Deutungsversuche, die ja nur 'studien' waren, nicht überzeugend revidieren - sie sind alle ihren überlieferten Paradigmen verhaftet geblieben.

Die Inhaltsseite (= das Signifikat) der Finanzkrise lässt sich mithilfe unterschiedlicher Ausdrucksseiten (=Signifikanten) neu darstellen. Dottore schreibt in 'Re: Die Weltwirtschaftskrise von 1929 – ein einmaliger Fall?':

Der Ablauf ist immer derselbe: Erster Anstoß ("fresh money" erscheint). Dann Kreditorgie (Staat und Private). Sachwerthausse. Dann Nachlassen der Zusatznachfrage, Disinflation. Finanztitelhausse wg. sinkender Zinsen. Dann kredit- und "New-Economy"/Gründerzeit usw.-getriebener Bubble. Der platzt. Die Guthaben, die den vordem gemachten Schulden entsprechen, wollen jetzt bedient werden. Scharfe Kontraktion, Finanztitel-Baisse, Wealth-Effect (ex - zumeist nicht realisierten - Aktiengewinnen) verflüchtigt sich. Alles versinkt im Mahlstrom sinkender Kurse, Preise, Werte. Ausweglose Lage. Ende der deflationären Depression erst, nachdem die alten Schulden (Guthaben) ausgebucht sind oder sich per Crash (Banken usw.) verflüchtigt haben. Dann Start zur nächsten Runde ...

Debt Payment Rates, Elliott-Wellen-Analysen und insbesondere die Betrachtungen der Zyklen/Schwingungen im Phasenraum der Verschuldung mit der Vergleichsanalyse der EMA-Ableitungen führen @Ashitaka ["Alles Lebendige dieser Welt und damit auch der Bewusstseinszustand nicht funktionell aus dem Stofflichen begründet wird, sondern dass es das Zusammenspiel von bis dato unbegreifbar komplexen Frequenzen eines sich womöglich über den gesamten Raum (Hermetik: All) erstreckenden Frequenzspektrums ist, welches dann erst im Zusammenspiel das Potenzial der Lebendigkeit und Vergegenwärtigung durch eine Innenperspektive (Bewusstheit) erweckt (schöpft)."] dann zu Alexander Lauterwasser. Lauterwasser erklärt den Sinneswandel der abendländischen Wissenschaft mit dem aristotelisch - heraklitischen Ansatz, dass alles im Fluss ist, dass alles Bewegung ist, zugunsten von Parmenides, der Sein als 'Seiendes', also als ein eher 'Bleibendes', definierte und nicht als 'Werdendes' zurück.

Er formuliert im Sinne von Dürrs Gedanken des immateriellen 'Weltenhintergrundes' als die Ebene, wo alles Prozess ist, wo alles Schwingung ist:

"Alle Formen und Gestalten, die uns in dieser Welt begegnen, sei es nun ein Tier, ein Baum oder sonst irgendetwas, sind geronnene Gesten einer sich in der Zeit vollziehenden Bewegung. Alle Formen und Gestalten sind geronnene Gesten einer sich in der Zeit vollziehenden Bewegung. Es sind also Zeitgestalten. Insofern ist Musik mit ihren ganzen inneren Gesetzmäßigkeiten, nicht dem gewordenen, fertigen Kunstwerk am nächsten, sondern den Werdensprozessen oder den gestaltenden Prozessen."
Es dauert gegebenenfalls sehr lange, bis es 'Klick' macht, dessen Ausgangspunkt eben immer individuell ist, für grundlegend neue Denkansätze - jeder hat sich mithin selber zu mühen und zu finden.

Quelle: https://www.sein.de/schwingung-und-schoepfung-interview-mit-alexander-lauterwasser/

Gruß - Ostfriese


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