Mein Eindruck deckt sich nicht mit Deinen Einschätzungen/Beobachtungen.

eesti, Schwedt und Cranz(Ostpreußen), Freitag, 05.08.2022, 11:44 (vor 60 Tagen) @ Plancius2239 Views
bearbeitet von eesti, Freitag, 05.08.2022, 11:54

Während wir mittlerweile doch ziemlich viel über die Situation in der Ukraine erfahren, sowohl von russischer als auch von ukrainisch-westlicher Seite, wissen wir doch sehr wenig zur Situation in Russland.

Oh, gibt es denn kein Internet mehr bei Dir?


Gerade von ihm (Thomas Röper) hätte ich mir gewünscht, da er ja nun schon viele Jahre in Russland wohnt, zu beschreiben welche Auswirkungen die Sanktionen auf die russische Wirtschaft und das Leben im Alltag haben.
Was solle er schreiben? Das Leben in Rußland geht unverändert weiter, zumindest für die überwiegende Mehrheit der Russen. Die Sanktionen gibt es ja mittlerweile seit 10 Jahren und man hat sich adaptiert.

Ich habe noch regelmäßig Kontakt zu einem Freund aus Moskau. Trotz eines starken Rubels hat Russland derzeit mit einer Inflationsrate von 20% (also höher als bei uns) zu kämpfen.

Nein, die Inflationsrate sinkt derzeit leicht und beträgt um die 15%. Die Differenz zu uns sinkt jeden Monat etwas weiter.

In russischen Betrieben kommt es wegen fehlender Teile aus dem Westen zu Produktionsengpässen, die auch zu Angebotsverknappungen im russischen Einzelhandel führen.

Das mit den fehlenden Zulieferteilen stimmt in einigen Bereichen (Landmaschinen...).
Allerdings sind selbst im immer wieder blockierten Königsberg i.Pr. die Läden/Baumärkte... voll, es gibt keine leeren Regale.

Die Produktivität der russischen Wirtschaft sinkt mit einer damit verbundenen Unterbeschäftigung vieler russischer Arbeitnehmer. Ein sprunghaftes Ansteigen der Arbeitslosigkeit wird nur durch massiver Subventionen der russischen Unternehmen seitens des Staates unterbunden.

Das schätze ich auch so ein, aber viele Betriebe verzeichnen andererseits einen Wegfall der europäischen Konkurrenz, wodurch die Produktion hoch gefahren werden kann. In vielen Bereichen gibt es angenehme Förderungen dazu vom Staat.

Insbesondere die junge bis mittlere, woke Generation in den russischen Großstädten ist von den Sanktionen ziemlich angepisst. Sie sind stark konsumorientiert und können nun keine italienische Mode mehr kaufen oder ihr Bad mit deutschen Fliesen ausstatten. Viele mögen den billigen Plunder aus China oder der Türkei nicht.

Das ist doch eher ein Problem der Moskauer Schickeria. Du wirst es nicht glauben, aber die russischen Fliesen sehen oft besser aus, als die westliche Importware, und aus China habe ich in Königsberg noch keine Fliesen gesehen, allerdings sind wirklich die italienischen Designerfliesen aus den Baumärkten verschwunden und auch Laminat aus Deutschland, das qualitativ deutlich besser (und teurer) war, als die russische Ware.

Da nicht absehbar ist, wann sich die Versorgungslage und die Konsummöglichkeiten in Russland bessern, kam es seit Beginn des Krieges zu einer verstärkten Abwanderung von jungen, mobilen Fachkräften - vorwiegend im IT-Bereich - in den Westen, insbesondere in Richtung USA.

Das betraf nahezu ausschließlich die vielen IT-Firmen, die wegen den Sanktionen ihre russischen Zentren schließen mußten und nach Möglichkeit den Angestellten anboten, im Westen weiter zu arbeiten. Das darf man nicht als "Abstimmung mit den Füßen" werten. Der IT-Bereich war ein Sonderfall.

Die Rückenhalt zu Putins Politik ist nach wie vor groß.
Das betrifft alle Länder, bei denen keine einseitige Propaganda für die Ukraine bezahlt wird.
Die Welt stellt sich nicht gegen Putin, sie sehen ganz genau hin, was vor und während des Konfliktes passierte.

Gibt's also irgendwo noch seriöse Berichte zur Lage in Russland?
Das Leben verläuft ganz normal, es gibt nichts reißerisches zu berichten.
Nur für mich als Fremdstaatler mit der neuen Weichwährung als Lohn, dem Euro, wird in Rußland durch den starken Rubel alles teurer.
Der Russe sitzt zu für mich zu hohen (muß mit meinem Arbeitslohn ja 7 Mäuler stopfen) Gaststättenpreisen im Restaurant und läßt es sich gut gehen.
Der Krieg kommt nur in den Nachrichtensendungen vor, aber eher wie ein Bericht aus anderen Ländern, manchmal mit Bildern von Gefallenen oder mit Orden versehenen Soldaten. Rußland ist groß und da sind die menschlichen Verluste kaum zu spüren, ökonomisch ist Rußland eh fast autark und wo es nicht autark ist, da kommen die Waren jetzt vermehrt aus Cnina, ohne daß teilweise auf die chinesischen Waren ein europäisches Herstellerschild aufgebracht wird, oder es erfolgen so genannte Parallelimporte (Käufe im Ausland, die dann mehr oder weniger schwarz nach Rußland importiert werden).


Bei spezielleren Fragen zu Rußland werde ich gern ins Detail gehen, wenn erwünscht, kann aber nur aus Königsberg (Cranz) berichten, im Kernland war ich vor 40 Jahren das letze Mal.

--
MfG
LR

Alles ist ein Windhauch.


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