Bei Bondy und Silone halte ich gegen.

nereus, Mittwoch, 03.08.2022, 12:07 (vor 62 Tagen) @ Greenhoop880 Views

Hallo Greenhoop!

So hartnäckig wie Du, können andere auch sein. [[zwinker]]

Das Original-Zitat ist freilich nicht belegt, aber die Indizien sind recht eindeutig.

In dem 1988 veröffentlichten Bändchen »Pfade der Neugier: Porträts« schreibt Bondy über eine Begegnung mit Silone:
»Ich traf Silone in Genf am Tag, an dem er aus dem Exil nach Italien zurückkehrte, und plötzlich sagte er:
›Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.‹
Viele Jahre später, als Antifaschismus in der Tat instrumentalisiert wurde und zu einem Slogan herunterkam, verstand ich, daß dieses kaustische Aperçu prophetisch war.«

Soweit bekannt, ist dies die einzige Quelle für den Silone zugeschriebenen Ausspruch; andere Belege sind nicht aufzufinden.
Der zitierten Textstelle geht eine kursorische Schilderung wichtiger Stationen im Leben Silones voraus.
Bondy charakterisiert seinen Freund als einen Menschen, der gerne und viel schwieg, um dann unerwartet profunde Einsichten kundzutun – wofür das Zitat als Beleg dienen soll. Damit endet das Kapitel über Silone.

Das ist quellenkritisch betrachtet nicht ideal, woraus bisweilen bereits der Schluß gezogen wurde, Silone habe die Aussage nie getätigt.
Damit allerdings machte man es sich zu einfach, denn vieles spricht dafür, daß das Zitat authentisch ist.
Bondy und Silone waren befreundet, beide brachen mit dem Stalinismus.
Silone trat 1931 aus der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) aus, Bondy kehrte der Komintern anläßlich des Hitler-Stalin-Pakts den Rücken, beide blieben jedoch Sozialisten und arbeiteten aus dem Exil gegen den italienischen Faschismus und den Nationalsozialismus.
Bondy schrieb über die deutschen Vernichtungslager in Polen, ­Silone über den Aufstieg Mussolinis.

Ein weiteres Indiz: Silone zitiert in seiner Geschichte des italienischen Faschismus den Schriftsteller, Philosophen und Parlamentsabgeordneten Francesco de Sanctis mit einer der ihm zugeschriebenen Sentenz sehr ähnlichen Aussage:
»Die Reaktion zeigt nicht ihr wahres Gesicht, und wenn die Reaktion zum ersten Mal kommt und uns besucht, sagt sie nicht: Ich bin die Reaktion.
« Mag sein, dass Bondy sich die beiden Sätze zum wiederkehrenden Faschismus ausgedacht und seinem Freund posthum untergeschoben hat.

Mag sein, dass Silone etwas anderes gesagt hat und Bondy sich daran 40 Jahre später (Silone kehrte 1944 aus dem Schweizer Exil nach Italien zurück) nur ­unzulänglich erinnern konnte.

Das Zitat aber einfach als Fälschung zu verwerfen, ist nicht angebracht.
Der Kontext, den Bondy liefert, ist zwar dünn, legt aber nahe, daß Silone und Bondy eine konkrete Gefahr vor Augen hatten.

Quelle: https://jungle.world/artikel/2020/05/silones-warnung

Und hier geht es zum Zitat aus „Pfade der Neugier“:

https://books.google.de/books?id=U9IsAQAAIAAJ&q=antifaschismus

Außerdem wäre schon erklärungsbedürftig, warum Bondy 1988, also ein Jahr vor Zusammenbruch des Ostblocks, sich dieses Zitat hätte ausdenken sollen.
Eine solche Aussage spricht eher für solides Hintergrundwissen und das hatte Silone, wie sein "wendungsreicher" Lebensweg andeutet.
Er wurde sogar als CIA-Kommunist verleumded.

Und etwas seltsam finde ich den Hinweis Deines Mail-Informanten, das Zitat könne er im Buch von Bondy nicht finden.
Es steht da sehr wohl, siehe obigen Link oder auch hier:

https://books.google.ru/books?redir_esc=y&hl=de&id=U9IsAQAAIAAJ&focus=searc...

Hier also von falschen Zitaten zu reden, ist genauso unredlich, wie das Zitat als ultimative Wahrheit zu bezeichnen.

mfG
nereus


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