Gestern Abend bekam ich ein Mail ...

Greenhoop, Mittwoch, 03.08.2022, 10:58 (vor 52 Tagen) @ Greenhoop1075 Views

... in der mir u.a. sinngemäß empfohlen wurde, ich solle konstruktiv bleiben und mich nicht an "Nebensächlichkeiten" aufreiben. Vermutlich ist das richtig und daher nur 3 Beispiele, weshalb mich das Thema der "Falschzitate" wurmt.

1. Vor ungefähr 14 Jahren las ich zum ersten Mal das folgende Zitat:

„Der Deutsche: absolut obrigkeitshörig, des Denkens entwöhnt, typischer Befehlsempfänger, ein Held vor dem Feind, aber ein totaler Mangel an Zivilcourage! Der typische Deutsche verteidigt sich erst dann, wenn er nichts mehr hat, was sich zu verteidigen lohnt. Wenn er aber aus seinem Schlaf erwacht ist, dann schlägt er in blindem Zorn alles kurz und klein — auch das, was ihm noch helfen könnte!“

Dieses wurde Carl Friedrich von Weizäcker zugeschrieben und Grund genug für mich, sein Buch "Der bedrohte Friede" (ungekürzte Ausgabe 1983 oder 1984, muss ich aus meinem Archiv erst einmal raus kramen) zu kaufen, um dies zu überprüfen. Fakt ist, dass Carl Friedrich von Weizäcker dies niemals geschrieben hat - ein klarer Fall von widerlicher Unterstellung/Verleumdung.

Diese Unwahrheit hat mich veranlasst, Zitate die im Internet kursieren ziemlich genau zu prüfen, insbesondere dann, wenn es immer und immer wieder ohne Quellenangabe verwendet wird.

2. Liegt nicht ganz so weit zurück, ist aber ebenso eine Falschzuordnung.

Admiral Cebrowski, Mitverfasser der Rumsfeld/Cebrowski Doktrin war der eigentliche Autor des ziemlich bekannten Buches The Pentagon´s New Map , welches angeblich vom "Strategen" Thomas Barnett verfasst wurde, in Wirklichkeit war er lediglich Chebowski´s Assistent. In diesem Zusammenhang fiel mir dann auf, dass der Autor Richard Melisch in seinem Buch "Der letzte Akt" auf Barnett´s Buch "Blueprint for Action" verwies und suggerierte, Barnett habe sinngemäß gesagt, jeglicher Widerstand gegen die politischen Ziele (Weltordnung) würden getötet "...we shall kill them ..." - nichts davon ist in seinem Buch zu lesen.

3. Ignazio Silone wir das nirgendwo belegbare Zitat (sinngemäß) der Faschismus werde sich bei seiner Wiederkehr als Antifaschismus ausgeben zugeordnet, angeblich im Gespräch mit seinem Freund und Journalisten François Bondy geäußert. Zwar schreibt Bondy angeblich Pfade der Neugier Silone hätte in einem Treffen diesen Ausspruch geäußert, gefunden habe ich dies nicht.

Vielmehr ist es so, dass der Schriftsteller Francesco de Sanctis schon früher mit einem ihm zugeschriebenen Zitat eine sehr ähnlichen Aussage traf: "Die Reaktion zeigt nicht ihr wahres Gesicht, und wenn die Reaktion zum ersten Mal kommt und uns besucht, sagt sie nicht: Ich bin die Reaktion." und Bondy dieses entlehnte. Letzteres ist nicht bewiesen, aber genauso wahrscheinlich, wie die unbewiesene Zuschreibung Silones.

PS: Noch so ein schönes Beispiel, welches Voltaire.net vor einiger Zeit aufgelöst hat:

Das bekannte Buch "Kampf der Kulturen" war ursprünglich war dies die "Lewis-Doktrin", ein Kommunikationsargument, das im Nationalen Sicherheitsrat entwickelt wurde, um der Öffentlichkeit neue Kriege zu verkaufen. Sie wurde der breiten Öffentlichkeit von Bernard Lewi´s Assistent, Samuel Huntington, präsentiert, der sie als akademische Beschreibung einer unausweichlichen Realität vorstellte.

Gruß - Greenhoop


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