Danke für Ihren interessanten Einwand

Diogenes Lampe, Donnerstag, 20.01.2022, 22:29 (vor 127 Tagen) @ solstitium2197 Views

Also will ich ganz bescheiden, mir mal ein winziges Detail herauspicken, den Vertrag von Lausanne der bekanntlich noch 11 Monate Restlaufzeit hat.

Klar ist, dass die Alliierten (Gibt es diese damaligen Alliierten dergestalt überhaupt noch?) sich dann nicht mehr daran halten müssen, aber die Türkei ja auch nicht, was sich sodann auf ein 100 Jahre brach liegendes Geschäft mit Bodenschätzen stürzen wird, als ob es kein Morgen mehr gibt.

An diesen Vertrag wird sich ohnehin nur noch nach Bedarf und dem Recht des Stärkeren gehalten. Erdogan stürzt sich doch bereits auf die Bodenschätze im Mittelmeer und Nord-Afrika, aber es blieb bisher nur beim Versuch, weil er sich dabei immer wieder selbst aufs Kreuz der Russen gelegt hat. Imgrunde wollte er vollendete Tatsachen auch gegen den NATO-"Partner" Frankreich schaffen und sich mit dem Abstecken seiner Interessengebiete dann prozessuale Vorteile verschaffen, wenn es an die internationalen Neuverhandlungen geht, genauso wie mit Zypern. Aber da hat er sich zwischen die Interessen der EU und Russlands gesetzt. Ganz zu schweigen von Ägypten und Israel. Er ist da weder Amboss noch Hammer, sondern das, was dazwischen liegt. Er weiß es vermutlich nur nicht.


Dann beginnen die Reibereien zwischen Griechenland und der Türkei mutmaßlich erst richtig, weil die Türkei will freilich an das Öl, welches bislang wegen des Vertrages unantastbar war. Plötzlich mutiert also die Türkei zu etwas, wie ein Saudi Arabien zwischen Schwarzem und Mittelmeer?

Nur 100 Jahre zu spät. Nimmt man Erdogans Machtansprüche im Mittelmeerraum und im eurasischen Raum zusammen, so hat sich sein osmanisches Phantasie-Imperium schon jetzt so überdehnt, dass er sich über einen Mangel an internationalen Gegenkräften, die seine Forderungen zum Anlass nehmen, sich gegen ihn zu verbünden - und das ist sicher nicht nur Griechenland - sich nicht zu beklagen braucht. Wem will er denn sein Öl dann am Ende verkaufen? Den Amerikanern oder Briten? Er hat eigentlich nur die Wahl zwischen Krieg und Frieden einerseits und Teil der eurasischen Föderation von Nationalstaaten unter dem Schirm Russlands zu werden, andererseits. Lausanne hin, Kars her.


Frei der Regel, Totgesagte leben länger, und die Banken wissen ja auch, was dort zu holen ist, also warum sollten sie etwas, was auf gleicher Höhe, wie die Entwicklung von Kasachstan der letzten 25 Jahre liegt, aber deutlich dichter am europäischen Markt - etwa wie eine heisse Kartoffel fallen lassen.

Wer spricht vom Fallenlassen? Vereinnahmen wäre vielleicht das bessere Wort?


Wohinein investiert man denn?

In die neue Trilaterale Weltordnung und die in ihrem Zusammenhang stehende russische bzw. chinesische Föderation in Eurasien, die beide gerade auch durch die Diadochenkämpfe in diesem Großraum im Entstehen sind.


In politisches Tohuwabohu oder politische Stabilität respektive jemandem, der dies verspricht.

Und das Versprechen voraussichtlich auch halten kann. Erdogan kann aber kein Versprechen mehr gegen Russlands und Chinas Raumordnungs-Interessen halten. Das wissen auch die Banken.


Ergo ist Erdogan eher ein Mann, der als Ansprechpartner für Investoren eine höhere Sicherheit bzgl. des Investitionskapitals darstellen könnte, als ein noch nicht mal ansatzweise vom Umfang her erkennbarer und darüber hinaus noch zerstrittener und beliebig bewaffneter Haufen.

Wenn Sie mit dem Haufen die Islamistentruppen Erdogans und seiner Muslimbrüder meinen, dann würden weitsichtige Investoren sich sicher hüten, in dem einen wie den anderen Kandidaten zu viel Hoffnungen zu setzen.


Sämtliche Auslandstürken, so wie ich sie kenne, und die sind das leidenschaftlich, unterstützen Erdogan - d.h. umgekehrt, kann Erdogan im Handumdrehen eine Front gegen seine Widersacher allein schon in Berlin aufmachen, da stehen 300.000 seiner Untertanen!

Ich bin mir da nicht sicher, ob sich alle Türken in Berlin als seine Untertanen sehen. Eine recht große Zahl gehört zu den türkischen Laizisten, die mit der AKP rein gar nichts zu tun haben wollen. Und da wären auch noch die Gülenanhänger. Klar kann Erdogan hier massive Unruhen stiften, so wie er es ja auch in Frankreich tut. Aber ich glaube, Sie schätzen da seine effektive Truppenstärke zu hoch ein. Und es bestünde die Gefahr für ihn, dass sich in so einem Fall auch die Türken, die ihn fallen sehen wollen, gegenseitig bekriegen könnten. Es soll auch westliche wie östliche Geheimdienste geben, die hierfür die nötigen Inspirationen liefern, wenn's drauf ankommt.


Die Türkei abzuschreiben, da erlaube ich mir mal ein verwundertes räuspern, bei aller Bescheidenheit!

Es verwundert Sie womöglich, weil Sie das Problem noch zu wenig in seiner Komplexität betrachtet haben. Im Übrigen ist eben Erdogan nicht die Türkei und die Türkei nicht Erdogan. Die Türkei als Nationalstaat, sowie das türkische Volk schreibt niemand ab, auch wenn sich seine territorialen Grenzen verschieben sollten.


Dies in aller Kürze und mit Respekt vor der ansonsten oder besser in Summe gehabten zu lesenden analytischen Arbeit!

Das war aber jetzt eine ganz schöne satztechnische Verrenkung. Mein Respekt zurück![[zwinker]]


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