einmal zurück ins Mittelalter

nereus, Mittwoch, 20.05.2020, 14:18 (vor 196 Tagen) @ Mephistopheles1726 Views

Hallo Meph!

Du schreibst: Das ist allerdings die Frage, wer die Goldförderung in 3000m Tiefe vorfinanzieren könnte, wenn das Gold erst gefördert werden müsste. In 3000 Meter Tiefe gelangt man mit Schaufel und Pickel nicht so leicht.

Es geht nicht um das neu zu fördernde Gold, sondern um das welches schon aus der Erde gebuddelt wurde. Wir reden hier von ca. 187.000 Tonnen .. obwohl, so genau weiß das wohl keiner.

Wegen der großen Bauwerke - ich meinte natürlich u.a. die gotischen Kathedralen - schreibst Du: Das ist allergrößter NONSENS!. Wer erzählt dir denn so einen Schmarrn?!?

Warum regst Du Dich denn so auf?

Dein Modell funktionierte keinen einzigen Tag auf unserem Vorfinanzierungslevel, den ich vorab nur angedeutet habe.
Vorfinanzierung Sklavenarbeit. Die unbezahlte Sklavenarbeit finanzierte das vor.

Natürlich, weil es eine andere Möglichkeit in der Welt des Hardcore-Debitismus nicht gibt.
Die Welt des Mittelalters war geprägt von Zünften und Bauhütten
Lauschen wir einmal den Berichten zum Bau und der Finanzierung der Kathedralen.

Beginnen wir damit: Die Verwirklichung eines Sakralbaues erforderte nicht nur einen immensen körperlichen Arbeitsaufwand, sondern auch hohe finanzielle Aufwendungen.

Das geht ja schon mal gut los. [[top]]

Ab dem 10. Jh. wurden durch das Wirtschaftswachstum finanzielle Mehrprodukte auch in den Kirchenbau investiert.
Für die mittelalterliche Baustelle waren die feudalen Dienste der Untergebenen in Form von Naturalien, Handdiensten und/oder finanziellen Zuwendungen überlebensnotwendig. Ab dem 10. Jh. kann man aber von hauptsächlicher finanzieller Unterstützung ausgehen, da ein Großteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung zu Erntezeiten nicht verfügbar war. Außerdem konnte man die Helfer nur für geringfügige Dienste (Transport, Materialbeschaffung) einsetzen, da sie im Normalfall über keine geschulten baulichen Fähigkeiten verfügten.

Finanzielles Mehrprodukt? Schöner Begriff.

Die Frage nach der detaillierten Geldbeschaffung in konkreten Fällen kann nur im glücklichen Fall der Überlieferung von Archivmaterial beantwortet werden. Verallgemeinernd kann man aber sagen, dass die meisten Kirchenbauten auf Stiftungen zurückgehen. Diese Stiftungen, ausgestattet mit Geld, Rechten und Naturalien, stammen meist aus dem privaten Vermögens- oder Verfügungsbereich des Stifters oder der Stifter.
Die Erhaltung bestritten die Stifte und Klöster aus finanziellen Zuwendungen des/der Stifter/s sowie Einnahmen aus Landwirtschaft und Pacht. Eine nicht unerhebliche Einnahmequelle stellten zudem Spenden, das Pilgerwesen, der Ablass und einzelne Stiftungen (z. B. Altäre in der Kirche) dar.

Stiftungen? Also das, was der Billy-Boy heute macht.
Nur gibt der keinen Kredit sondern überweist GELD.
Egal, wir wollten ja erst einmal etwas von den Sklaven erfahren.

Die Bauhütte bezeichnete einen kirchlichen oder städtischen projektbezogenen Werkstattverband von Handwerkern, der keine mit der Zunft vergleichbaren wirtschaftlichen, sozialen oder rechtlichen Absicherungen bot. Diese Organisation, die sich seit dem 13./14. Jh. beim Kirchenbau mit dem Steinwerk beschäftigt, wird in den Quellen als fabrica und erst im Spätmittelalter als Hütte bezeichnet.
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In Folge der steigenden Nachfrage und des Leistungsdruckes im Bauwesen gingen die Steinmetze zu einer Art „Fließbandarbeit“ über. Direkte Werkstattniederlassungen auf der Baustelle – Hütten – ermöglichten im Winter eine serienmäßige Vorproduktion von Steinen, die dann bei Bedarf zeitsparender versetzt werden konnten.
Die Mitglieder einer Hütte setzten sich aus dem leitenden Werkmeister, den Handwerkern, Hüttenknechten, weiterem Versorgungspersonal und für den Kirchenbetrieb zuständigen Helfern zusammen.
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Rechnungsbücher, von denen die meisten erhalten gebliebenen Exemplare aus dem 15. Jh. stammen, liefern wichtige Indizien für die wirtschaftliche Lage einer Bauhütte. In ihnen finden sich Anhaltspunkte über Bauablauf, Abrechnung, Einstellung, Entlohnung, Materialbeschaffung und Arbeitszeiten.
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Die Einnahmen bezog eine mittelalterliche Bauhütte einerseits aus finanziellen und/oder materiellen Spenden, andererseits aus den landwirtschaftlichen Gütern und Häusern. Vor allem die großen Bauhütten kamen durch Schenkungen von Grundbesitz zu beträchtlichen Gütern, die sie dann entweder verpachteten bzw. selbst bewirtschafteten oder verkauften. Die Einnahmen daraus machten einen großen Teil der Gesamteinnahmen aus.

Quelle: http://othes.univie.ac.at/24502/1/2012-12-28_0402912.pdf?fbclid=IwAR0CC3cra9EfbcOXh2KsG...

So so, Sklavenarbeit.
Warum lesen wir in den mittelalterlichen Texten nichts von Sklavenarbeit?
Die hatten doch sonst keine Probleme, die Dinge beim Namen zu nennen.
Und die Finanzierung ist auch interessant, gell?

Man handelte und wirtschaftete mit Grundbesitz und geschenkt wurde auch. Ach!

Der director fabricae (bei größeren Bauaufgaben waren es auch zwei), dessen Hauptaufgabe die Verwaltung des Dombaufonds und die Aufsicht über die Angestellten war, wurde oft vom Erzbischof ernannt und bezahlt. Bei größeren Hütten wurde ein Schaffner eingestellt, der die Bereiche der Organisation und Verwaltung, Materialbeschaffung, Entlohnung und die Führung der Rechnungsbücher innehatte.
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Rechtlich gesehen unterstand die Hütte keiner weltlichen Justiz, sondern der kirchlichen. Durch diese Regelung waren die Mitglieder nicht zur Abgabe an kommunale Institutionen verpflichtet, was ein höheres Einkommen begünstigte.

Quasi überbezahlte Sklaven. [[freude]]
Aber es gab nicht nur Sonnenschein.

Der Nachteil gegenüber einer Zunft bestand darin, dass die Hütte zwar Verpflegung, Werkzeug und Logie stellte, die Handwerker aber weiterziehen mussten, sobald das Bauvorhaben abgeschlossen oder unterbrochen war.

Es geht den Menschen wie den Leuten.
Und nun zur Entlohnung der "Sklaven".

Die verbreitetste Entlohnung der Hüttenmitglieder erfolgte durch den Tagelohn, der am Wochenende ausbezahlt wurde.
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Die Metzen bekamen die Steine, die sie behauen hatten, bezahlt. Dadurch war es für den Auftraggeber bzw. Werkmeister auch möglich, sich von nicht hütteneigenen Steinmetzen einzelne Steine (oft Spezialistenstücke) fertigen zu lassen und problemlos abrechnen zu können. Diese Zahlungsmethode hatte weiterhin den Vorteil, dass sie die Handwerker anhielt, möglichst viele Steine zu behauen und damit den Bauablauf zu beschleunigen.

Leider steht in diesem Abschnitt nicht in welcher Geld-Form die Arbeiter bezahlt wurden, aber sie wurden bezahlt, denn es wird oftmals von Löhnen gesprochen!
Doch wer hat das Bauwerk VOR-finanziert?

Die Personengruppe, bestehend aus Bauherrn, Auftraggeber, Stifter, Eigentümer sowie der Bauträgerschaft, lässt sich in vielen Quellen sehr gut fassen.163 Als Quellenmaterial für ihre Identifizierung bieten sich Rechnungen, Donationsurkunden, Stiftungsbriefe, Signaturen an den Werken selbst bzw. an Teilen davon und Schenkungsverträge an.
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Die Bauträgerschaft des Wiener Stephansdomes wurde z. B. stark von der Wiener Bürgerschaft gefördert. Ohler attestiert im Spätmittelalter vor allem wohlhabenden Bürgern ein großes Engagement bei Kirchenstiftungen. Außerdem stifteten Zünfte, Gilden und Bruderschaften bemerkenswerte Ausstattungsgegenstände.
Daneben waren es natürlich noch immer Adelige und Feudalherrn, die Bauwerke in Auftrag gaben und/oder Teile der Ausstattungen stifteten.

Ja, zum Kuckuck, wo bleibt denn da der Kredit?
Gestiftet kann ja nur etwas werden, was schon da ist, denn mit lauwarmen Versprechen werden sich die Handwerker nicht haben abspeisen lassen und die körperlich gut aufgestellten Steinmetze schon überhaupt nicht.
Warum fällt mir ausgerechnet jetzt wieder der Disput mit @Kurt ein, wo ich seine Uckmucks-Kiste mit ganz simplen Überlegungen aus den Schienen geworfen habe. [[freude]]

Doch zurück zur Quelle:

„Der Bauherr sollte Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können und über die Fähigkeit verfügen, Aufgaben zu delegieren. Er musste qualifizierte Fachleute für Planung und Ausführung gewinnen. Über geeignete Mittler sollte er seine Leute mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgen, sie ständig neu motivieren und möglichst gar begeistern können; was Lohn, Geschenke und Freizeit angeht, sollte er gerecht und weitherzig sein. Nicht zuletzt sollte der Bauherr […] für Rechtssicherheit und Frieden sorgen."

Ein netter Bauherr eben. Ob er sich immer daran gehalten hat, steht auf einem anderen Blatt. [[zwinker]]

Die meisten Kirchenbauten des Mittelalters gingen auf Stiftungen zurück, die im Idealfall urkundlich nachgewiesen werden können.
..
Eine wichtige Motivation, Bauaufgaben in Auftrag zu geben, war der „Ruhmesgedanke“ des Auftraggebers. Bandmann weist darauf hinweist, dass im Unterschied zur Renaissance, in der die Stifter größte Besorgnis hatten, das gestiftete Bauwerk noch zu ihren Lebzeiten fertiggestellt zu sehen, der mittelalterliche Stifter von einer solchen Sorge verschont war, denn schon der Akt des Bauens galt als „Verwirklichung des Gottesreiches“ und begründete den Ruhm und das Ansehen des Auftraggebers und sicherte ihm auch Verdienst für die Ewigkeit.

Das kesselt!
Die "Buden" mit denen heute Millionen an Touristeneinnahmen VERDIENT werden, wurden ursprünglich wegen des Ruhmes errichtet. Kreisch!
Die debistische Kiste fängt schon wieder an schwer ins Schleudern zu kommen.

Die mittelalterlichen Glaubens- und Ordensgemeinschaften profitierten in großer Zahl von der kirchlichen Machtausübung auf die gläubigen Menschen: Die Stifter spendeten das Grundkapital für den Klosterbau, im Gegenzug verpflichteten sich die Mitglieder der Ordensgemeinschaft, durch Messen und Gebete das Andenken des Stifters zu wahren und für sein Seelenheil zu beten.
..
Der Umfang der Stiftungen reichte von der Finanzierung ganzer Kirchen hin bis zu einzelnen Teilen oder Ausstattungsgegenständen (diese wurden unter anderem besonders gerne gestiftet, da sie bei richtiger Lagerung sehr langlebig waren). Natürlich gab es neben der Möglichkeit eines Neubaus auch Instandhaltungsstiftungen sowie die Möglichkeit, nur Teile von einem Bauwerk erneuern zu lassen bzw. zu vervollständigen oder lediglich zu bestimmten Zeiten Messen zu stiften.
Die Nachwelt wurde nicht nur durch erhaltene Urkunden über Stifter, Stiftungsanlass bzw. bestimmte Nutzungen, Nutzungsrechte und -pflichten aufgeklärt, sondern auch durch Inschriften an oder in den Bauten, Bildnisse, Skulpturen sowie Wappen an die Stifter erinnert.

Verdammt nochmal, wo sind denn jetzt die Sklaven und die Banker, die den Kredit für die Vorfinanzierung bewilligten?
Oder hat uns Frau Taubinger mit ihrer Diplomarbeit einen Bären aufgebunden? [[hae]]

mfG
nereus


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