kritisches Thema

mh-ing, Donnerstag, 05.01.2017, 12:57 (vor 2752 Tagen) @ Falkenauge2670 Views

Das Thema der Reformation ist so vielschichtig und kompliziert, dass man eigentlich nur erwarten kann, dass die Kirchen nur ein oberflächliches Theater darum veranstalten werden. Gründe:
- Luther hat in seinen Schriften starken Antisemitismus vertreten. Diesen Umstand hat die Kirche nie aufgearbeitet, sondern mehr oder weniger umschifft mit Verschweigen und verschämtes Wegsehen. Es ist dies eine Bürde.
- Die Kirche hat Luther aber auch in anderer Hinsicht beerdigt. Das, was Luther als Glaubenslehre neu entdeckte bzw. hervorhob ignoriert die Kirche. Die Bibel, von Luther als den Kern des Glaubens erkannt, hat sie sich schon so weit entfernt, dass das ehemalige "Wort Gottes" nur noch menschliches Gestammel, Zusammengestückeltes und letztlich nicht bindendes mehr enthält. Folglich ist in der Kirche alles möglich, solange man die Kirche selbst nicht in Frage stellt.
- Die fehlende Trennung zwischen Kirche und Staat wurde von der Reformation nicht umgesetzt. Diese Abgrenzung ist ein Dilemma, weil die Kirche somit zum Diener, Zuarbeiter und Komplizen der Regierungen wurde. Als Teil der Welt hat die Kirche aber den Charakter des "Gewürzes/Salzes" ziemlich verloren.
- Die kath. Kirche tut sich mit der Reformation auch nicht leichter. Das, was ihr Luther damals vorwarf, gilt halt heute noch. Selbst der Ablass ist noch immer Teil der Kirchenideologie. Auch die anderen Punkte in den Glaubenslehren sind nach wie vor Teil der kirchlichen Dogmatik und seither sogar noch verschärft (Konzil von Trient, weitere Dogmen zum Papstum...)

Erstaunlich ist die Entwicklung der auch aus der Reformation mit hervor gegangenen Freikirchen (diese sind als spätere Abspaltungen oder aus dem Gedanken der Reformation entstandene Erweckungs-/Aufbruchbewegungen entstanden). Diese sind über viele Vereinigungen nun im Boot mit den großen Kirchen, haben in vielen Punkten die Lehren auch angepasst (aufgeweicht), streben nach politischer Anerkennung als gesellschaftliche Gesprächspartner, schielen auf die Steuerzuwendungen und sind damit längst Teil des religiösen Establisments.

Persönlich ist mir daher das Treiben um diesen Tag egal. Aus meiner Sicht war das Wirken von Luther trotz all seiner Mängel, epochal. Erst durch die Reformation wurde die Freiheit der Regierungen von der kath. Kirche möglich. Freiwillig erfolgte dies aber nicht, sondern es kostete in einem 30jährigen Krieg unzählige Menschenleben.
Wenn wir heute frei über Religion noch reden können, die Kirche nur noch am Rande steht, haben wir das nicht unwesentlich Luther und seinen Mitstreitern zu verdanken. Aber letztlich ist es in den Kirchen längst Zeit für eine 2. Reformation bzw. ein zurück zur ersten Reformation.

Die andere Frage ist, ob wir heute bereit sind, für diese Freiheit den Preis eines solchen großen und umfassenden Kriegs wie damals zu zahlen? Die Mächtigen weichen nicht freiwillig und werden hier bis zum Äußersten gehen. Als damals die Leute bemerkten, wie sehr die Kirche sie betrog, was das Motivation genug.
Jedoch gab es damals auch viele, die erkannten, dass so etwas nie den Frieden bringen wird und waren völlig gegen diese Kriegstreiberei. Dies brachte ihnen dann auch die Verfolgung durch die reformatorischen Kräfte ein, die teils auch blutig und gewalttätig wie die kath. Kirche waren.


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